Die Geschichte der Filadelfia (128)
Die Schlaraffia Filadelfia ist eines der ältesten Schlaraffenreyche Nordamerikas. Sie wurde 1895 gegründet, trägt die Reychsnummer 128 und pflegt seit mehr als hundertdreißig Jahren die deutsche Sprache, den Humor, die Kunst und die Freundschaft im Großraum Philadelphia.
Die Stadt, die aus einem Versprechen gebaut wurde
Philadelphia ist keine gewachsene Stadt, sondern eine geplante. 1681 erhielt William Penn von Karl II. den Freibrief für die Kolonie Pennsylvania; 1682 ließ er die Stadt vermessen und kaufte das Land den Lenape ab, obwohl der königliche Freibrief das nicht verlangte. Den Namen nahm er aus dem Griechischen: Philadelphia, Bruderliebe. Unter einer Ulme am Shackamaxon schloss er mit dem Lenape-Häuptling Tammany einen Freundschaftsvertrag.
Penns Toleranzversprechen erreichte auch den deutschen Südwesten. Schon 1683 gründeten pfälzische, quäkerische und mennonitische Familien nordwestlich der Stadt eine eigene Gemeinde: Germantown, deutsch Deutschstadt. Ihr Anführer war der aus Franken stammende Jurist und Dichter Franz Daniel Pastorius (1651–1719); die dreizehn ersten Familien waren zuvor nach Krefeld und Monsheim ausgewichen. Fünf Jahre später, 1688, schrieben Pastorius, Gerret Hendericks und die Brüder Derick und Abraham op den Graeff im Haus von Thones Kunders zwei Seiten gegen die Sklaverei und schickten sie der Versammlung — die erste Verurteilung der Sklaverei in Amerika. 1854 wurde Germantown Teil Philadelphias.
Aus derselben Einwanderung ging hervor, was man heute die Pennsylvania Dutch nennt — Pennsylvaniadeutsche, deren Sprache sprachwissenschaftlich zum Rheinfränkischen gehört und dem Pfälzischen am nächsten steht. Und 1764 gründeten Deutsche in Philadelphia die Deutsche Gesellschaft von Pennsylvanien, um Einwanderern zu helfen, die als Schuldknechte ins Land gekommen waren. Sie ist bis heute die älteste deutsche Kulturorganisation der Vereinigten Staaten.
Als sich hier in der sechsunddreißigsten Jahrung nach schlaraffischer Zählung ein Schlaraffenreych bildete, war das also keine Pflanzung auf fremdem Boden. Es war die späte Blüte einer zweihundert Jahre alten deutschen Stadtgeschichte. Mehr dazu steht auf der Seite Deutsches Philadelphia.
Die Mutter am Hudson
Die Filadelfia ist die Tochter der Nova Yorkia, des Reyches Nummer 69. Der Stammbaum Allschlaraffias führt sie unter Zeile 157 als Gründung des Jahres a. U. 36 — Windmond ist der schlaraffische November, a. U. heißt anno Uhui und zählt von 1859 an, dem Gründungsjahr der Allmutter Praga in Prag.
Die Nova Yorkia hat in Amerika drei Töchter aufgezogen, die heute noch sippen: die Newarka (105) von a. U. 31, die Brooklynia (123) von a. U. 35 und die Filadelfia von a. U. 36. Die Mutter selbst hat in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ihre Pforten geschlossen.
Der Satz aus dem Chroniktext, aus erloschenen Nachbarreychen seien sechs Sassen zugekommen, hat damit einen Klang, den man erst versteht, wenn man die Reihe kennt: New Haven, Jersey City, Plainfield, Miami, New York.
1895 — Gründung mit Fürsprache der Mutter Nova Yorkia
Am siebten des Windmonds 1895 wurde die Colonie Filadelfia gegründet — mit Bewilligung der Allmutter Praga in Prag und auf Fürsprache der Mutter Nova Yorkia in New York. Dass ein Reych ein anderes gründet und dafür bürgt, ist der übliche Weg in Allschlaraffia: Jedes Reych hat eine Mutter, und jede Mutter steht für ihre Tochter ein.
Zwei Jahre später, 1897, schritt die Allmutter Praga zur Ausfertigung der Sanktionsbulle, da innerhalb der Frist kein Einspruch erfolgt war. Damit war aus der Colonie ein vollwertiges Reych geworden.
1903 — Burgweihe und Uhuorden
Im Windmond 1903 weihte das Reych seine neu ausgeschmückte Burg feierlich ein. Die Allmutter Praga verlieh der Filadelfia bei dieser Gelegenheit den Uhuorden — eine Auszeichnung, die ein Reych nicht für sein Alter bekommt, sondern für das, was es leistet.
Ein Mittelpunkt der amerikanischen Reyche
Die Filadelfia war früh mehr als ein Reych unter anderen. Im Wonnemond 1913 feierte sie das Ursippenfest ihres langjährigen Oberschlaraffen mit zahlreichen Gästen aus den amerikanischen Reychen. Ein Ursippenfest ist die Feier eines persönlichen Jubiläums — fünfundzwanzig Jahre im Spiel, gerechnet von der Aufnahme an.
1936 fand in der Filadelfia die erste All-Amerikanische Konferenz der amerikanischen Reyche statt, verbunden mit einer Galvanofeyer. Die Reyche des Kontinents kamen damit erstmals an einem Ort zusammen, um ihre gemeinsamen Angelegenheiten zu beraten.
Im Lethemond 1980 wurden in der Filadelfia die Brillanten zum Großursippenorden verliehen — eine der höchsten Auszeichnungen, die Allschlaraffia kennt und die ein halbes Jahrhundert schlaraffischen Wirkens voraussetzt.
Deutsch sprechen, wenn Deutsch nicht gern gehört wird
Die beiden Weltkriege haben die deutschen Vereine Amerikas härter getroffen als die Reyche in Europa. Im Ersten Weltkrieg wurden an vielen Schulen die Deutschstunden eingestellt, deutsche Bücher aus Bibliotheken genommen, Familiennamen anglisiert; in Philadelphia suchten Bundesagenten die Redaktion des deutschsprachigen Philadelphia Tageblatt auf und durchsuchten sie später auf Grundlage des Espionage Act von 1917 — sechs Beteiligte wurden angeklagt. Erst 1923 setzte der Oberste Gerichtshof mit Meyer v. Nebraska dem Verbot fremdsprachigen Unterrichts ein Ende.
In diesen Jahren sippte die Filadelfia weiter, und zwar auf Deutsch. Ein Beleg der Deutschen Schlaraffen-Zeitung hält fest, dass ein Junker am 4. Hornung a. U. 57 — Hornung ist der Februar — in die Filadelfia aufgenommen und am 3. Brachmond desselben Jahres, also im Juni 1916, zum Ritter geschlagen wurde. Derselbe Sasse feierte 1986 im siebenundneunzigsten Lebensjahr sein siebzigjähriges Schlaraffentum und war damit Nestor des Bundes.
Sein Ritterschlag fiel mitten in den Ersten Weltkrieg; die Aufnahme geschah in einer Stadt, in der Deutsch zu sprechen gerade unbequem wurde.
Die Freiheitsglocke
In den Mauern dieser Stadt hängt die Liberty Bell, die Freiheitsglocke. Die Provinzialversammlung von Pennsylvania bestellte sie 1752 in London bei Lester and Pack, der später Whitechapel Bell Foundry genannten Gießerei, und ließ ihr einen Vers aus dem dritten Buch Mose in den Mantel gießen: „Proclaim LIBERTY Throughout all the Land unto all the Inhabitants Thereof.“ Sie sprang beim ersten Läuten in Philadelphia und wurde zweimal umgegossen; die Namen der beiden Handwerker, Pass und Stow, stehen bis heute darauf.
Eine Fügung, die man in diesem Zusammenhang nicht übergehen darf: Als die britische Armee 1777 auf Philadelphia zog, brachte man die Glocke aus der Stadt. Neun Monate lang, von September 1777 bis Juni 1778, lag sie unter den Dielen einer deutschen Kirche — der Zion German Reformed Church in Northampton Town, dem heutigen Allentown.
Aus dieser Glocke hat die Filadelfia ihre bekannteste Einrichtung gemacht. Der Glockenkongress, von Ritter Fil-Bis gestiftet, ist eine jährliche Festsippung, zu der alle Reyche des Uhuversums geladen sind und zu der ein Thema ausgegeben wird. Die Statuten sagen, warum: „Der Glockenkongress zollt dem höchsten Gut auf Erden — der Freiheit — die gebührende Würdigung.“
Wer weit weg wohnt, darf ohne Einritt teilnehmen: Ab dreihundertfünfzig Meilen Entfernung zählt eine eingesandte Fernfechsung. Dafür gibt es eine eigene Leiter von Tituln, vom „Glöckner“ bis zum „Ehrenmeister der Glockengießergilde“, und eine zweite für die Fernfechser, vom „Freund der Glockengießergilde“ bis zum „GlockenKlöppelputzer-Ehrenmeister“. Sassen der Filadelfia fechten außer Konkurrenz — das Reych zeichnet nur Gäste aus. Mehr dazu auf der eigenen Seite.
Neun Adressen, zwei Häuser
Die Burg dieses Reyches heißt Pennburg, nach William Penn. Von der Gründung an hat sie in Philadelphia neun Adressen gehabt.
Die längste Zeit lag sie im Haus der Deutschen Gesellschaft von Pennsylvanien an der 611 Spring Garden Street — rund vier Jahrzehnte lang, bis zum Jahr 2000. Der Chroniktext nennt diese Zeit „wohl die längste seit unserer Gründung“ und erinnert an die gemeinsamen Maskenbälle, Sylvesterfeiern und Konzerte mit dem Hausherrn. Im Reych heißt es, man spreche dort bis heute vom Schlaraffenzimmer.
Im Herbstmond, dem September, des Jahres a. U. 141 war es damit vorbei: Nach Verhandlungen mit dem Vermieter verlor das Reych seine Burg und sippte übergangsweise in Notburgen, unter anderem in den Heimburgen zweier Ritter. Fündig wurde man in der Vereinigung Erzgebirge in Warminster, nördlich der Stadt — einem Verein, den 1931 Einwanderer aus dem Erzgebirge gegründet hatten und dessen achtundsechzig Morgen Wald bis heute „Waldesrauschen“ heißen.
Dank Spenden, unter anderem des weiland Ritters Rebellinus, wurde die Pennburg dort neu ausgebaut. Die erste Sippung in der neuen Burg fand am 1. Christmond — dem Dezember — a. U. 141 statt; die Burgweihe wurde am 20. Ostermond a. U. 142 mit der Feier des hundertfünften Gründungsfestes verbunden.
Veranstaltungen führen das Reych weiterhin auch in den Cannstatter Volksfest-Verein und in die Deutsche Gesellschaft.
Was die Jahrungen füllt
Neben dem Glockenkongress hat Ritter Fil-Bis a. U. 126 ein zweites Turney gestiftet, das blieb: das Stoßbaßturney. Das erste wurde am 15. Lenzmond — dem März — 1985 mit Gästen aus mehreren amerikanischen Reychen in der Pennburg gefochten.
Die Ketten-Turneys wurden in diesen Jahrzehnten verstärkt ausgetragen: Funkekette, Hans-Sachs-Kette, Faust-Kette. Ein Ritter führte die Sippung zur Musik des 20. Jahrhunderts ein. Und zweimal ist belegt, dass die Filadelfia mit der Baltimora (303) eine Reychsfehde ausfocht — einmal bei der Washingtonia (197) als Kampfplatz, einmal in der Sommerung a. U. 137, als die Totowa den Schiedsspruch übernahm. Beide Male ging es aus, wie eine Fehde unter Schlaraffen ausgehen muss: mit einem Urteil und ohne Verluste.
Gefeiert hat dieses Reych mit langem Atem. Das neunzigste Stiftungsfest ging im Großen Saal der Vereinigung Erzgebirge über die Bühne, mit über hundertfünfzig Gästen. Zum hundertsten Stiftungsfest a. U. 136 kamen 220 Gäste; der Festsaal der Deutschen Gesellschaft reichte nicht aus, und man wich in ein Hotel aus. Ein Altschlaraffenrat erschien als Benjamin Franklin kostümiert, die Musik bestritt ein Quartett des Curtis-Instituts — der 1924 von Mary Louise Curtis Bok gegründeten Musikhochschule Philadelphias.
Zum hundertzehnten Gründungsfest gab es zuerst ein öffentliches Konzert, zu dem neben achtzig Schlaraffen und Tross etwa fünfundsiebzig Profane erschienen; die anschließende Sippung eröffnete der Einritt von neun Reychen.
2008 — Der Schlaraffenrat Nordamerika in der Pennburg
Die Rolle als Versammlungsort hat das Reych bis in die Gegenwart behalten. Im Lenzmond 2008 hielt der Schlaraffenrat Nordamerika seine sechzigste Sitzung in der Pennburg der Filadelfia ab — benannt nach William Penn, dem Gründer Pennsylvanias.
Abschiede
Der Chroniktext nennt die Ritter, die das Reych in diesem Vierteljahrhundert verloren hat: Hitzegrad, Atomulus, Ergo, Vers-tand, Fastste, Schlau, Potenz, Danzig, Großhans, Fil-Bis, Don Viola, Olymp, Demosthenes und Don Camillo.
Zum fünfundzwanzigsten Glockenkongress gedachte die Sassenschaft fünfzehn Verstorbener, bevor gefochten wurde. Wer den Glockenkongress besucht, sollte wissen, dass der Mann, der ihn gestiftet hat, zu diesen Namen gehört.
Deutsche Geselligkeit in Pennsylvania
Die Filadelfia ist der deutschen Überlieferung Pennsylvanias eng verbunden. Gesippt wird auf Deutsch; wer die Sprache spricht oder lernen möchte und Freude an Musik, Wortspiel und geselliger Runde hat, ist als Gast willkommen. Die ersten Besuche sind frei und unverbindlich.
Die geschichtlichen Angaben dieser Seite sind im elektronischen Allschlaraffischen Reychsarchiv belegt, überwiegend in den Jahrgängen der Deutschen Schlaraffen-Zeitung; der Chroniktext ist dort als KI-erzeugte Verdichtung einer Vorlage gekennzeichnet. Die Angaben zur profanen Stadtgeschichte sind mit öffentlich zugänglichen Quellen belegt. Offen bleibt: Ob die Gründung in das Jahr 1895 oder 1896 fällt, ist nicht abschließend geklärt — der Stammbaum führt a. U. 36, ein Rückblick der Deutschen Schlaraffen-Zeitung von 1986 spricht von der Gründung „vor 90 Jahrungen“; diese Seite gibt die überlieferte Lesung 1895 wieder. Ebenso offen ist das Anfangsjahr der Zeit im Haus der Deutschen Gesellschaft — 1958, 1960 und „über vierzig Jahre“ stehen nebeneinander, deshalb steht hier nur „rund vier Jahrzehnte“. Auch das Jahr, in dem die Nova Yorkia ihre Pforten schloss, ist nicht eindeutig; darum ist von den achtziger Jahren die Rede. Wer zu einem dieser Punkte Unterlagen beitragen kann, möge sich bitte melden. Stand: September 2026.
History of Schlaraffia
🦉 Schlaraffia in figures: founded 1859 · over 200 Reyche worldwide · 5 continents · one language · one spirit: humour, friendship and art.
The cradle: Prague, 1859
It began with a handful of artists and men of letters in the Prague of 1859. Actors, poets, painters — people who wanted to set the gravity of the times aside for a few hours in order to laugh, to play and to keep friendship together. They simply called their circle Schlaraffia.
The name was the programme: the fabled land of Cockaigne, that country of lightness and joy, was to become real for a few hours. No class distinctions, no everyday hierarchies — only play, humour and art.
The game spreads
The idea travelled fast. Soon further Reyche arose in other cities of the German-speaking world: Vienna, Berlin, Hamburg, Munich. With the wave of German emigration in the nineteenth and early twentieth centuries, Schlaraffia crossed to the New World as well.
New York, Buenos Aires, São Paulo — wherever German-speaking emigrants found a new home, they founded a Schlaraffen-Reych too. The bond of a shared language and a shared game held them together, across every distance.
Schlaraffia survives the storms of history
Two world wars, political upheavals, prohibitions — Schlaraffia has come through much. In Germany and Austria the work of the Reyche was restricted or forbidden during the war years. But as soon as peace returned, the Reyche came back to life. That will to endure is no accident: where real friendship rules, it finds a way.
Worth noting: while in Europe some Reyche paused for a time, Schlaraffia overseas carried on unbroken. The Allschlaraffia — the worldwide umbrella — held the whole together.
The Allschlaraffia — the worldwide union
All the Schlaraffen-Reyche of the world are joined in the Allschlaraffia. This umbrella sets the common rules, assigns the Reych numbers and sees to it that a Schlaraffe from Tokyo is at home at once in a Sippung in Frankfurt.
In doing so the Allschlaraffia keeps up something that has grown rare in the modern world: a fellowship founded on values rather than on profit or networking. Humour, friendship and art are not empty words here; they are practised at every Sippung.
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